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  • Karin Gambaracci

Die Gruppe Ulbricht

Moskau, 27. April 1945. Sieben Tage zuvor hatte Adolf Hitler in Berlin in seinem Bunker seinen letzten Geburtstag gefeiert.


Wolfgang Leonhard, ein junger Deutscher, der nach dem Aufkommen des Nationalsozialismus in Deutschland mit seiner Mutter nach Russland emigriert war, erhält einen Anruf. Er soll sich sofort im Hotel Lux melden. Der Befehl hat einen zwingenden Ton, aber Leonhard ist daran gewöhnt. Schließlich hat er die letzten zehn Jahre im stalinistischen Russland verbracht und eine hervorragende Ausbildung an der berühmten Komintern-Schule genossen. Aber vor allem: In Russland bittet man nicht, man leistet.


Wolgang Leonhard 2001 Bruni Meya/akg-images/picture alliance/akg-images

Im Hotel Lux nähert sich Wolfgang der Tür mit der ihm gegebenen Zimmernummer, zögert kurz, klopft dann. Er wartet einen Moment. Die Tür öffnet sich. "Genosse Leonhard, herzlich willkommen. Nehmen Sie Platz." Der Sprecher ist Walter Ulbricht. Ein Name, den die Deutschen sehr gut kennen, denn Walter Ulbricht bis 1971 der wichtigste Politiker der DDR war.


Walter Ulbricht - dpa

Zurück nach Moskau. Die Atmosphäre im Hotel Lux ist heiter. Neben Ulbricht erkennt Wolfgang mehrere Gesichter, alle deutsche kommunistische Emigranten, die heute in Russland hohe Positionen bekleiden. Es wird getrunken, gegessen, und irgendwann erhebt Ulbricht sein Glas und ruft: "Meine Herren, von nun an gehören Sie zur Ulbricht-Gruppe. Wir werden in Kürze nach Deutschland aufbrechen. Ein Toast!" "Ein Toast!" antwortet einer. Es werden keine Fragen gestellt. Wir sind in Russland.


Hotel Lux negli anni 50 _ https://de.rbth.com/geschichte/84168-hotel-lux-stalin-moskau

Am 2. Mai 1945, dem letzten Tag der Schlacht um Berlin, ist die Gruppe Ulbricht bereits hier. Ein Berlin der brennenden Ruinen, ein Berlin des Rauchs, der die Augen verbrennt und die Sicht vernebelt. Bis zu diesem Abend hat unser Wolfgang noch keine Ahnung von seiner Aufgabe. Erst am 2. Mai beschließt Ulbricht, die Karten auf den Tisch zu legen.


"Meine Herren, wir haben einen ganz klaren Auftrag. Wir sollen die Verwaltungen der westlichen Bezirke Berlins gründen. Jeder von Ihnen ist für einen Bezirk zuständig. Zuerst müssen Sie einen Bürgermeister finden. Er muss kein Berufspolitiker sein, aber es ist wichtig, dass er einen Doktortitel und Verwaltungserfahrung hat. Dann müsst ihr einen Ingenieur finden, der sich um den Verkehr kümmert; einen Arzt, der sich um die Gesundheitsversorgung kümmert; ...".


Wolfgang hört ungläubig zu. Berlin ist ein Trümmerhaufen, wie kann man da herumgehen und einen Bürgermeister, einen Ingenieur, einen Arzt suchen? Und dann ... warum die westlichen Bezirke? Hatte man nicht schon 1944 in London vereinbart, dass Russland für die östlichen Bezirke zuständig sein würde?


"Gruppe Ulbricht" (Walter Ulbricht ultimo a destra) - Tagesspiegel

Aber Ulbricht fährt fort: "Dann müssen Sie sechs Mitglieder der SPD (der historischen deutschen sozialistischen Partei, die gemäßigter ist als die kommunistische Partei) finden. Diese Leute haben ein Händchen für Verwaltungen...". Machst du Witze, Walter Ulbricht? Was ist mit den treuen Kommunisten, die jahrelang im Untergrund gekämpft haben und fröhlich auf der Straße stehen und die sowjetischen Truppen begrüßen? "Wir brauchen nur drei Kommunisten pro Verwaltung... Einen stellvertretenden Bürgermeister, der die eigentliche Arbeit macht, während der Bürgermeister herumsitzt und repräsentiert, einen Personalchef und einen Bildungsdirektor." Aber warum nur drei Kommunisten und sechs von der SPD? "Es muss wie ein demokratischer Prozess aussehen, deshalb. In Wirklichkeit werden wir diejenigen sein, die alles unter Kontrolle haben".


Monate vergehen, Jahre, und Wolfgang Leonhard begreift die Situation immer besser. Er versteht, dass die Russen den zwei Monate später in der Stadt eintreffenden Alliierten zuvorkommen wollten, dass sie nicht die Absicht hatten, die Pakte einzuhalten, sondern bereits planten, ganz Berlin zu erobern. Er begriff, dass der sowjetische "kommunistische Traum" in Wirklichkeit nicht viel mehr als eine Fahne war, die gehisst wurde, um ein antidemokratisches Regime zu verbergen, das jede freie Initiative und jedes freie Denken ablehnte.


Also beschloss er, die Sache zu beenden. 1949 floh Wolfgang Leonhard zunächst nach Jugoslawien und dann in die Bundesrepublik Deutschland. Wie ihm erging es vielen anderen. Bis 1961 verließen mehr als zwei Millionen Menschen ihre Heimat. Bis zur Nacht vom 12. auf den 13. August, genauer gesagt, einer Samstagnacht.


Denn am nächsten Morgen wachen die Bewohner der DDR als Gefangene auf. Vor einer Mauer.

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