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  • Tommaso Speccher

Das Jüdische Museum

Seit seiner Eröffnung im September 2001 ist das Jüdische Museum, das von dem in Polen geborenen amerikanischen Architekten mit deutschem Pass, Daniel Libeskind, entworfen wurde, zu einer der bekanntesten Attraktionen der Stadt geworden. Libeskinds Entwurf stellt eine doppelte Herausforderung dar: Einerseits versetzt die dekonstruktivistische Architektur, die in diesem Fall aus krummen Wänden und engen Räumen besteht, jeden einzelnen Besucher in einen Zustand des totalen Verlusts des räumlichen Bezugs; andererseits versucht die historische Ausstellung im Inneren des Gebäudes, den gesunden Menschenverstand herauszufordern, indem sie die jüdische Geschichte nicht so sehr aus der Sicht des Holocausts, sondern aus der Sicht von zweitausend Jahren jüdischen Lebens und jüdischer Kultur in Deutschland erzählt. 



Viele Besucherinnen werden leider von dem unterirdischen architektonischen Raum erdrückt, ohne die Ausstellung im zweiten Stock erreichen zu können, die stattdessen die Geschichte einer der wichtigsten jüdischen Kulturen Europas, nämlich die des deutschen aschkenasischen Judentums, auf lebendige und höchst interaktive Weise erzählt.


Die bedeutenden Aspekte dieses Museums, das aus einer tiefen historischen und persönlichen Konfrontation Libeskinds mit der Geschichte der Juden in Deutschland entstanden ist, sind vielfältig. Vor allem aber erinnert der Name des Museums selbst daran: Between the Lines. Als Daniel Libeskind über die Möglichkeiten des Ingenieurwesens und der Architektur nachdachte, beschloss er zunächst, alle über die Stadt verstreuten Punkte zu suchen, an denen deutsche Juden vor 1933, also vor der Machtergreifung der Nazis, gelebt hatten. Die Linien, aus denen sich das Museum zusammensetzt, sind also nicht das Ergebnis einer willkürlichen Auswahl, sondern das topografische Resultat aller menschlichen, sozialen, kulturellen und Lebensbeziehungen, die im Berliner Judentum zu Beginn des 20. Jahrhunderts.



Gerade darin liegt die große Intuition Libeskinds: den Reichtum der großen jüdischen Gemeinde Berlins irgendwie wieder zum Leben erweckt zu haben, wenn auch durch Beton und Stahl. Das Museum in seiner Gesamtheit zu betrachten, bedeutet, für einen Moment den vitalen und kulturellen Reichtum des deutschen Judentums zu erschließen, der durch den Holocaust verloren gegangen ist.


Und genau diese "fehlende Spur", diese Leere, erklärt, warum das gesamte Museum von dunklen, engen Räumen durchzogen ist. Es ist genau die "Linie der Leere", die durch ihre architektonischen Formen an das Gefühl des Mangels und der Verwirrung erinnert, das in der heutigen deutschen Kultur herrscht, die angesichts des Gewichts und der zerstörerischen Radikalität des Holocausts so verloren ist.

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